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Kennzahlenset und Ampelsystem — StaRUG-konform

StaRUG-konformes KPI-Set und Ampelsystem für Krisenfrueherkennung definieren: Berater oder GF braucht messbare Schwellenwerte für Krisen-Monitoring. Normen: § 1 StaRUG (Frueherkennungspflicht), IDW PS 340 n.F. Prüfraster: Liquiditaetsreichweite, EBITDA-Coverage, Net-Debt-EBITDA, Covenant-Headroom, DSCR — numerische Schwellen gruen/gelb/rot, Berechnungsformeln, Eskalationslogik. Output KPI-Dashboard-Template, Ampelsystem-Beschreibung, Schwellenwert-Dokumentation. Abgrenzung: Fruehwarnsystem-Architektur siehe fruehwarnsystem-architektur-zwei-jahres-horizont; Liquiditaetsplanung siehe rollierende-liquiditaetsplanung-24-monate-template.

ID: de.bankruptcy.kennzahlenset-und-ampelsystem-starug-konform Version: 0.1.0 License: Apache-2.0 Author: Klotzkette Language: de Added: 2026-06-01
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Kennzahlenset und Ampelsystem — StaRUG-konform

Ein Ampelsystem ohne kalibrierte Schwellenwerte ist eine Farbenspielerei ohne Steuerungsnutzen. Das StaRUG-konforme KPI-Set verbindet betriebswirtschaftliche Standardkennzahlen mit klaren, numerisch definierten Auslösern — so dass jeder Geschäftsführer und jeder Berater sofort erkennt: Grün ist alles in Ordnung, Gelb ist Handlungsbedarf, Rot ist Krisenalarm. Die Schwellen sind nicht willkürlich, sondern aus der Rechtsprechung, IDW-Standards und Bankpraxis abgeleitet.


Rechtsgrundlagen

  • § 1 StaRUG (Früherkennungspflicht mit KPI-basierter Überwachung)
  • § 18 InsO (drohende Zahlungsunfähigkeit — Liquiditätsreichweite als Schlüsselindikator)
  • IDW PS 340 n.F. (Risikobewertung, Schwellenwerte, Eskalationsstufen)
  • IDW S 6 Tz. 40 ff. (Leistungsfähigkeitsanalyse, Kennzahlen)
  • IDW S 11 (Beurteilung Insolvenzeröffnungsgründe — Liquiditätstest)
  • Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren.

Pflichten

1. Warum quantitative Schwellen unverzichtbar sind

Qualitative Urteile wie "die Liquidität ist angespannt" genügen nicht. § 1 StaRUG verlangt rechtzeitiges Erkennen und Handeln — das setzt messbare Auslöser voraus. Ohne definierte Schwellen:

  • Keine objektive Eskalationspflicht auslösbar
  • Keine Beweissicherung für "rechtzeitig erkannt"
  • Kein Nachweis gegenüber Insolvenzverwalter oder Gericht

2. Das KPI-Set — Sieben Kern-Indikatoren

Die folgenden sieben KPIs bilden das Rückgrat des Ampelsystems:

KPI 1: Liquiditätsreichweite

Definition:  Verfügbare Liquidität (Kasse + freie Kreditlinien) ÷ durchschnittl. monatl. Auszahlungen
Einheit:     Monate
Grün:        ≥ 6 Monate
Gelb:        3 bis < 6 Monate
Rot:         < 3 Monate
Bedeutung:   Überleben-Indikator Nr. 1 — wie lange kann das Unternehmen ohne neue Einnahmen zahlen?

KPI 2: EBITDA-Coverage (Zinsdeckungsgrad)

Definition:  EBITDA ÷ Zinsaufwand (rolling 12 Monate)
Einheit:     Faktor (x)
Grün:        ≥ 3,0x
Gelb:        1,5x bis < 3,0x
Rot:         < 1,5x
Bedeutung:   Kann das Unternehmen aus dem operativen Ergebnis seine Zinsen bedienen?

KPI 3: Net-Debt/EBITDA

Definition:  Nettofinanzverbindlichkeiten ÷ EBITDA (rolling 12 Monate)
             Nettoverschuldung = Bankschulden + Anleihen - flüssige Mittel
Einheit:     Faktor (x)
Grün:        ≤ 3,0x
Gelb:        3,0x bis 4,5x
Rot:         > 4,5x
Bedeutung:   Wie viele Jahre EBITDA braucht das Unternehmen, um schuldenfrei zu werden?

KPI 4: Covenant-Headroom

Definition:  Prozentualer Abstand der tatsächlichen Finanzkennzahl zur vertraglich vereinbarten
             Covenant-Grenze
             Headroom (%) = (Ist-Wert - Covenant-Grenze) ÷ |Covenant-Grenze| × 100
Einheit:     Prozent (%)
Grün:        ≥ 25 %
Gelb:        10 % bis < 25 %
Rot:         < 10 % (oder Covenant bereits verletzt)
Bedeutung:   Verletzung eines Financial Covenants löst typischerweise Kündigungsrecht der Bank aus

KPI 5: DSCR (Debt Service Coverage Ratio)

Definition:  (EBITDA - CAPEX Erhaltung) ÷ (Zinsen + Tilgung, fällig im Planungszeitraum)
Einheit:     Faktor (x)
Grün:        ≥ 1,20x
Gelb:        1,00x bis < 1,20x
Rot:         < 1,00x (Schuldendienstunfähigkeit)
Bedeutung:   Kann das Unternehmen Zinsen UND Tilgung aus dem operativen Cashflow bedienen?

KPI 6: Eigenkapitalquote

Definition:  Eigenkapital ÷ Bilanzsumme × 100
Einheit:     Prozent (%)
Grün:        ≥ 20 %
Gelb:        10 % bis < 20 %
Rot:         < 10 % (oder negatives Eigenkapital → Überschuldungsrisiko)
Bedeutung:   Struktureller Schutzpuffer, insbes. relevant für § 19 InsO Überschuldung

KPI 7: Cash-Conversion-Rate (CCR)

Definition:  Operativer Cashflow ÷ EBITDA × 100
Einheit:     Prozent (%)
Grün:        ≥ 70 %
Gelb:        40 % bis < 70 %
Rot:         < 40 %
Bedeutung:   Wie viel des Ergebnisses wird tatsächlich als Cash realisiert?
             Niedrige CCR signalisiert Working-Capital-Probleme oder Bilanzrisiken

Vorgehen

Schritt 1: Ampeltabelle monatlich aktualisieren

AMPELTABELLE — [Firma GmbH] — Stand: [MM/JJJJ]

KPI                     | Ist-Wert | Grün       | Gelb           | Rot        | Ampel | Trend
------------------------|----------|------------|----------------|------------|-------|------
Liquiditätsreichweite   | [x] Mon. | ≥ 6 Mon.   | 3 bis < 6 Mon. | < 3 Mon.   | [🔴/🟡/🟢] | [↑↓→]
EBITDA-Coverage         | [x,xx]x  | ≥ 3,0x     | 1,5x bis < 3x  | < 1,5x     | [Amp] | [↑↓→]
Net-Debt/EBITDA         | [x,xx]x  | ≤ 3,0x     | 3,0x bis 4,5x  | > 4,5x     | [Amp] | [↑↓→]
Covenant-Headroom       | [x] %    | ≥ 25 %     | 10 % bis < 25% | < 10 %     | [Amp] | [↑↓→]
DSCR                    | [x,xx]x  | ≥ 1,20x    | 1,0x bis 1,2x  | < 1,0x     | [Amp] | [↑↓→]
Eigenkapitalquote       | [x] %    | ≥ 20 %     | 10 % bis < 20% | < 10 %     | [Amp] | [↑↓→]
Cash-Conversion-Rate    | [x] %    | ≥ 70 %     | 40 % bis < 70% | < 40 %     | [Amp] | [↑↓→]

Gesamtampel: [ROT / GELB / GRÜN]
Eskalationsstufe: [1 / 2 / 3]
Kommentar: [___]

Schritt 2: Eskalationslogik anwenden

GESAMTAMPEL-LOGIK:
  GRÜN:   Alle KPIs im grünen Bereich
  GELB:   Mind. 1 KPI im gelben Bereich, kein KPI im roten Bereich
  ROT:    Mind. 1 KPI im roten Bereich

ESKALATION:
  GRÜN:  Routinereporting, monatlich
  GELB:  Sofortanalyse (5 Werktage), Maßnahmenplan (10 Werktage), Info Gesellschafter (15 Werktage)
  ROT:   Sofortmaßnahmen (72 Stunden), Berater einschalten, StaRUG prüfen

Schritt 3: Trendanalyse und Prognostik

Nicht nur der Ist-Wert, auch der Trend ist entscheidend:

  • Verschlechterung über drei Monate bei einem grünen KPI → präventiver Gelb-Status setzen
  • Gleichbleibend Gelb über zwei Monate ohne Maßnahmen → automatisch Rot
  • Verbesserung dokumentieren und in Protokoll aufnehmen (Enthaftung)

Templates

Muster: KPI-Datenblatt für Monatsreporting

KPI-DATENBLATT — MONATLICHES REPORTING
Gesellschaft: [Firma GmbH]
Berichtsmonat: [MM/JJJJ]
Erstellt: [Name, Funktion]
Freigegeben GF: [Name, Datum]

1. LIQUIDITÄTSREICHWEITE
   Kassenbestand per Monatsende: EUR [___]
   Freie Kreditlinien: EUR [___]
   Verfügbare Liquidität gesamt: EUR [___]
   Monatl. Ø Auszahlungen (letzte 3 Monate): EUR [___]
   Reichweite: [x,x] Monate → AMPEL: [GRÜN/GELB/ROT]

2. EBITDA-COVERAGE
   EBITDA rolling 12 Monate: EUR [___]
   Zinsaufwand rolling 12 Monate: EUR [___]
   EBITDA-Coverage: [x,xx]x → AMPEL: [GRÜN/GELB/ROT]

3. NET-DEBT/EBITDA
   Bankschulden + Anleihen: EUR [___]
   ./. Liquide Mittel: EUR [___]
   Nettoverschuldung: EUR [___]
   EBITDA rolling 12 Monate: EUR [___]
   Net-Debt/EBITDA: [x,xx]x → AMPEL: [GRÜN/GELB/ROT]

4. COVENANT-HEADROOM
   Vereinbarter Covenant: [KPI] ≤ [Wert]
   Ist-Wert: [Wert]
   Headroom: [x] % → AMPEL: [GRÜN/GELB/ROT]

5. DSCR
   EBITDA: EUR [___]
   ./. Erhaltungs-CAPEX: EUR [___]
   Zinsen fällig: EUR [___]
   Tilgung fällig: EUR [___]
   DSCR: [x,xx]x → AMPEL: [GRÜN/GELB/ROT]

KOMMENTAR ZU ABWEICHUNGEN:
[___]

MAßNAHMEN BEI GELB/ROT:
[___]

Fallstricke

  1. KPI-Definitionen nicht abgestimmt — EBITDA (vor/nach Sondereffekten?), Nettoverschuldung (mit/ohne Pensionen?) — unklare Definitionen machen den Vergleich mit Vorperioden oder mit Covenants wertlos.

  2. Schwellenwerte nicht branchenspezifisch kalibriert — die oben genannten Schwellen sind Orientierungswerte. Kapitalintensive Branchen (z.B. Industrie) tolerieren höheres Net-Debt/EBITDA als servicebasierte Modelle.

  3. Covenant-Berechnung nicht mit Bankdefinition abgestimmt — Banken haben oft modifizierte EBITDA-Definitionen (z.B. bereinigt um Sondereffekte). Abweichende interne Berechnung führt zu falscher Headroom-Einschätzung.

  4. DSCR ohne Erhaltungs-CAPEX — wer Tilgung aus dem EBITDA bedienen will, aber keine laufenden Investitionen einrechnet, überzeichnet die Tragfähigkeit.

  5. Ampelsystem ohne Eskalationsprotokoll — Gelb-Status, der nicht protokolliert und eskaliert wird, ist eine versäumte Haftungsentlastung.


Querverweise

  • fruehwarnsystem-architektur-zwei-jahres-horizont — Systemarchitektur und Reporting-Zyklus
  • rollierende-liquiditaetsplanung-24-monate-template — Datenbasis für KPIs
  • integrierte-planung-guv-bilanz-cashflow — Planungsbasis für Forecast-KPIs
  • drohende-zahlungsunfaehigkeit-paragraph-18-inso — Liquiditätsreichweite als Tatbestandsmerkmal
  • dokumentationspflicht-und-protokollierung-geschaeftsfuehrung — Protokollierung der Ampelwerte

Weitere Leitentscheidungen

  • Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren.

Triage — Erste Einordnung

Bevor losgelegt wird, klaere:

  1. Krisenstadium? Ertragskrise (EBIT negativ), Liquiditaetskrise (Cashflow negativ) oder akute Insolvenznaehe (ZU/Ueberschuldung)?
  2. Insolvenzgrund? § 17 InsO (ZU), § 18 InsO (drohende ZU), § 19 InsO (Ueberschuldung)?
  3. Fristen? Antragspflicht § 15a InsO: 3 Wochen (ZU), 6 Wochen (Ueberschuldung).
  4. Sanierungs-Pfad? StaRUG (drohende ZU), Schutzschirm, Eigenverwaltung oder Regelverfahren?

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